Die Bundesnetzagentur verhandelt derzeit über eine grundlegende Reform der Industrienetzentgelte. Im Zentrum steht ein von Branchenverbänden vorgelegter Vorschlag namens „Option 4“, der pauschale Rabatte durch eine Vergütung für echte Netzflexibilität ersetzen soll. Die Debatte betrifft nicht nur Großkonzerne, sondern zunehmend auch Handwerksbetriebe und Hausbesitzer, die in Speicher und Ladeinfrastruktur investieren.
Alte Entgeltlogik passt nicht mehr zum Stromsystem
Netzentgelte werden bislang oft so kalkuliert, als könnten nur neue Leitungen und Trafostationen seltene Lastspitzen abfangen. Dass auch flexible Kapazität diese Aufgabe übernehmen kann, spielt in der aktuellen Systematik kaum eine Rolle. Industrielle Großverbraucher erscheinen darin vor allem als Kostenfaktor, nicht als potenzielle Netzhelfer.
Dabei verfügen viele Standorte längst über Energiespeicher, Kraft-Wärme-Kopplung, Eigenerzeugung und elektrische Prozesswärme, teils ergänzt um datenbasierte Steuerung und Prozesspuffer. Nicht jede Anlage lässt sich beliebig verschieben, doch das Flexibilitätspotenzial ist real. Wer Lasten gezielt in Schwachlastzeiten verlagert oder beim Peak Shaving hilft, entlastet die Netze messbar, wird dafür bislang aber kaum honoriert. Wer heute in Photovoltaik oder Speicher investiert und dadurch weniger Netzstrom bezieht, riskiert nach geltender Regelung sogar den Verlust bestehender Entlastungen. Wer sich transformiert, wird wirtschaftlich bestraft, ein Widerspruch zur erklärten Energiewende-Politik.
Pauschale Rabatte stoßen an EU-Recht-Grenzen
Eine Entlastung ohne Gegenleistung ist unter dem verschärften EU-Beihilferecht kaum noch zulässig. Werden Industriebetriebe entlastet, wird die Differenz auf andere Netznutzer umgelegt, vor allem auf Haushalte und kleinere Unternehmen. Jede pauschale Ausnahme wird damit politisch und rechtlich erklärungsbedürftig. Gleichzeitig kann sich Deutschland als Industriestandort hohe Stromkosten im internationalen Vergleich nicht leisten, ohne Investitionen und Arbeitsplätze zu gefährden. Die Regulierung steht damit vor einer Güterabwägung, die sich nicht allein mit Kürzungen oder Ausnahmelisten lösen lässt.
Der Vorschlag „Option 4“: Entlastung gegen nachweisbare Flexibilität
Genau an diesem Punkt setzt der industriegetragene Vorschlag an, der in der Debatte als Option 4 kursiert. Die Grundidee: Netzentgelt-Entlastungen sollen sich künftig stärker daran orientieren, ob ein Betrieb Lasten verschiebt, Engpässe entschärft oder verlässlich Flexibilität bereitstellt, statt wie bisher an historischen Verbrauchsmustern zu hängen. Damit würde Systemdienlichkeit zum Maßstab, nicht die reine Verbrauchsmenge. Auch redispatch-fähige Anlagen könnten von einem solchen Modell profitieren, sofern sie ihre Flexibilität nachweisbar zur Verfügung stellen.
Für die Industrie ist das auch ein strategisches Angebot. Statt den Status quo zu verteidigen, positioniert sie sich als Teil der Lösung für ein volatiles, erneuerbar geprägtes Stromsystem. Ob sich der Vorschlag gegen etablierte Interessen durchsetzt, ist offen. Die Bundesnetzagentur muss dabei zwischen Systemnutzen, Wettbewerbsfähigkeit und sozialer Verteilungsgerechtigkeit abwägen, bevor eine überarbeitete Entgeltsystematik in Kraft treten kann.
Wann die Bundesnetzagentur über den Vorschlag entscheidet, ist offen. Verbände auf beiden Seiten rechnen mit einer längeren Konsultationsphase, in der auch Verteilnetzbetreiber und Verbraucherschützer ihre Positionen einbringen dürften. Bis dahin bleibt unklar, in welchem Umfang Industriebetriebe künftig für nachgewiesene Flexibilität honoriert werden.
Flexibilität wird auch im Heimbereich zum Thema
Während auf Industrieebene über Systemdienlichkeit verhandelt wird, treibt die Speicherbranche die technische Seite der Flexibilität voran. Der chinesische Hersteller Sigenergy hat nach eigenen Angaben ein Verfahren vorgestellt, mit dem sich Heimspeicher gemeinsam mit einer Gleichstrom-Ladestation, einem sogenannten DC-Charger, deutlich schneller installieren lassen sollen als bislang üblich. Details zu Kosten, Leistungsdaten oder der Verfügbarkeit in Deutschland nannte das Unternehmen bislang nicht, weshalb sich der praktische Nutzen für hiesige Installateure derzeit noch nicht abschließend bewerten lässt.
Für deutsche Handwerksbetriebe ist der Trend dennoch relevant. Kombinierte Lösungen aus Speicher und Ladeinfrastruktur sollen die Installationszeit auf Baustellen senken, ein Faktor, der angesichts des Fachkräftemangels in der Elektrobranche zunehmend über die Wettbewerbsfähigkeit von Produkten entscheidet. Je einfacher sich Speicher und Wallbox aus einer Hand in Betrieb nehmen lassen, desto eher lohnt sich die Nachrüstung auch für kleinere Gewerbekunden, die selbst keine große Elektroabteilung unterhalten.
Für Betriebe in Drensteinfurt und im Münsterland dürfte die Netzentgelt-Reform vor allem dann wirtschaftlich spürbar werden, wenn Gewerbekunden eigene Speicher- oder Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen betreiben. Die KW Baustoffe GmbH beobachtet die Entwicklung als Fachhändler für Photovoltaik- und Speichertechnik in der Region weiter.
Hausbesitzer und Installateure aus Drensteinfurt und NRW können sich bei der KW PV Solutions UG zu Energiespeicher-Lösungen beraten lassen.
Quellen: pv-magazine.de · photovoltaik.eu